Zwischen Brotdose und Blicken
- Lea Hofmann

- 21. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Juli
Warum Körperbilder auch eine Frage von
Pädagogik und Design sind
Wie Kinder lernen, ihren Körper zu sehen
Wie lernen Kinder eigentlich, ihren Körper zu sehen?
Diese Frage war der Ausgangspunkt meines Projekts „Zwischen Brotdose und Blicken“. Entstanden ist ein Tagebucheintrag aus der Sicht der fiktiven Protagonistin Sarah Mayer. Sarah schreibt über einen Schultag, über Sportunterricht, ihre Brotdose, Blicke, Kommentare und das Gefühl, im eigenen Körper nicht selbstverständlich dazuzugehören.

Scham beginnt oft im Alltag
Der Tagebucheintrag ist bewusst als persönliche Form gewählt. Er macht sichtbar, was in fachlichen Texten oft abstrakt bleibt:
Scham entsteht nicht nur durch einzelne verletzende Aussagen.
Sie kann sich im Alltag festsetzen. In der Art, wie ein Kind isst, sitzt, sich kleidet,
im Sportunterricht mitmacht, auf Fotos steht oder Räume betritt.
Körperzweifel entstehen früher, als viele denken
Fachlich ist besonders relevant, dass Körperunzufriedenheit sehr früh beginnen kann. Untersuchungen zeigen, dass Kinder bereits zwischen drei und sechs Jahren negative Einstellungen gegenüber dickeren Körpern entwickeln und schlankere Körper bevorzugen können.
In Studien mit Mädchen zwischen drei und fünf Jahren wurden dünnere Figuren häufiger mit positiven Eigenschaften verbunden, während dickere Figuren eher negativ bewertet wurden. Körpernormen werden also nicht erst in der Pubertät wirksam, sondern können bereits in der frühen Kindheit Teil des Selbst- und Fremdbildes werden.
Pädagogik und Design treffen sich im Körperbild
Genau hier verbindet sich meine pädagogische Arbeit mit meinem Designstudium.
In meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erlebe ich immer wieder, wie stark Körperbewertungen, Vergleiche und abwertende Kommentare das Selbstbild prägen können. Manche Kinder werden leiser. Manche vermeiden Situationen.
Manche möchten im Sport nicht mitmachen, sich nicht umziehen,
nicht fotografiert werden oder beim Essen nicht auffallen.
Bodyshaming ist deshalb kein oberflächliches Thema.
Es geht nicht nur darum, ob jemand einen verletzenden Kommentar macht.
Es geht darum, wie Kinder lernen, sich selbst wahrzunehmen.
Es geht um Selbstwert, Zugehörigkeit, Scham und Teilhabe.
Die pädagogische Perspektive

Aus pädagogischer Perspektive stellen sich die Fragen:
Welche Erfahrungen machen Kinder in Familie, Schule und Alltag mit ihrem Körper?
Welche Sprache verwenden Erwachsene über verschiedene Körper?
Wann wird ein Kind gestärkt und wann wird es beschämt, auch wenn es vielleicht „gut gemeint“ war?
Die gestalterische Perspektive
Aus gestalterischer Perspektive wird sichtbar:
Körperbilder entstehen nicht nur durch Worte, sondern auch durch Bilder.
Werbung, Kleidung, Größenetiketten, Social Media, Schulmaterialien, Gesundheitsplakate, Spiegel, Apps und Magazine zeigen Kindern täglich, welche Körper als normal, schön, gesund oder richtig gelten.
Design ist damit nicht neutral.
Es transportiert Werte.
Der Tagebucheintrag als Projektform
Mein Projekt setzt genau an dieser Schnittstelle an.
Sarahs Tagebucheintrag zeigt, wie kulturelle Identität im Alltag entsteht: durch Familie, Schule, Sprache, Essrituale, Körpernormen und mediale Bilder. Ihre Brotdose steht zu Hause für Liebe und Zugehörigkeit. In der Schule wird sie zum Risiko, weil Essen beobachtet und bewertet wird. Kleidung steht nicht nur für Stil, sondern für Dazugehören oder Ausgeschlossensein. Der Spiegel zeigt nicht nur den Körper, sondern auch die gesellschaftlichen Erwartungen, die Sarah bereits verinnerlicht hat.
Kulturelle Identität entsteht in kleinen Momenten
Besonders wichtig war mir dabei der Blick auf kleine Alltagssituationen. Denn kulturelle Identität entsteht nicht nur in großen gesellschaftlichen Zusammenhängen. Sie entsteht beim Pausenbrot, im Sportunterricht, in der Umkleidekabine, beim Kleiderkauf, auf Fotos, vor dem Spiegel und in den Sätzen, die Kinder immer wieder hören.
Als Designerin interessiert mich, welche Bilder wir gestalten.
Als Pädagogin interessiert mich, was diese Bilder mit Kindern machen.
Mehrwert der Arbeit
Der Mehrwert dieser Arbeit liegt deshalb darin, Bodyshaming nicht nur als individuelles Problem zu betrachten, sondern als pädagogisches und gestalterisches Thema.
Kinder und Jugendliche brauchen Räume, in denen sie nicht lernen, sich zu verstecken, sondern sich als wertvoll zu erleben.
Nachhaltiges Design bedeutet Verantwortung
Für mich bedeutet nachhaltiges Design auch Verantwortung:
Gestaltung sollte nicht nur schön aussehen, sondern bewusst machen, stärken und Teilhabe ermöglichen. Gerade dort, wo Kinder und Jugendliche betroffen sind,
müssen pädagogische Haltung und visuelle Gestaltung zusammen gedacht werden.
Körperbilder sind gestaltet
Denn Körperbilder entstehen nicht zufällig.
Sie werden vermittelt.
Durch Sprache.
Durch Räume.
Durch Medien.
Durch Gestaltung.
Und genau deshalb können wir sie auch verändern.

